Die Welt ist kein Garten und nicht einmal ein Fegefeuer. Sie ist ein Truppenübungsplatz eines endlosen Krieges, in dem die Existenz selbst der Preis, das Ziel und die höchste Belohnung ist. Hier zerfällt der Geist, müde von seiner eigenen lautlosen Vollkommenheit, in Myriaden von Erfahrungen. Und jede davon - vom Heiligen bis zum letzten Abschaum - ist ein „Ich“. Wir haben uns daran gewöhnt, uns an die zerbrechliche Illusion der Einheit der Persönlichkeit zu klammern, aber die Wahrheit ist: Wir sind Kolonien, Konsortien von Wesen, die sich vorübergehend eine biologische Hülle teilen.
Dualität als Stützpunkt
Die Menschheit versucht seit Jahrhunderten, vor ihrer Natur zu fliehen, indem sie die Welt in Schwarz und Weiß, Sex und Tod, Schmerz und Vergnügen unterteilt. Doch die wahre Entwicklung des Geistes beginnt dort, wo Angst und Verlangen ihre Macht verlieren. Dieser fundamentalen Dualität kann man nur auf eine Weise begegnen - durch große Toleranz.
Jeder Versuch, einen Teil seiner selbst zu verleugnen, sei es ein dunkler Instinkt oder eine beschämende Schwäche, führt unweigerlich zum Formverlust. Selbstverleugnung ist eine Diät für die geistig Armen, die zur Auszehrung der Realität führt. Es gibt nur einen Gott - das ist das „Ich“, und die wahre Aufgabe besteht darin, sich selbst in jedem begegnenden Spiegel zu erkennen, in jedem Akt der Schöpfung oder Zerstörung.
Diejenigen, die Begrenztheit predigen, sind zur Mittelmäßigkeit verdammt. Die heftigsten Fanatiker, überzeugt von ihrer einzigen Wahrheit, sind nur Geiseln ihrer eigenen Widersprüche, welche die mächtigste Kraft auf dieser Erde darstellen. Unsere duale Natur ist unsere einzige ehrliche Moral. Es ist töricht zu versuchen, jemand anderes zu sein als derjenige, der man in diesem Moment ist.
Masken und Kolonien
Ich bin nicht derjenige, der diese Zeilen zu schreiben begann, und ganz sicher nicht der, der ich gestern war. Jede Sekunde schiebt das „Konsortium Ich“ ein neues Gesicht vor, eine neue Maske für eine neue Rolle. Wir tragen viele Namen, und das ist kein Zeichen von Wahnsinn, sondern ein Zeichen von Größe.
Die größten Sünder erweisen sich oft als die größten Heiligen, ohne es zu ahnen. Große Menschen sind immer dual, aber ihre Natur erschöpft sich nicht in einem Paar von Gegensätzen. Es ist ein Kaleidoskop. Der Geist ist jene „Selbstliebe“, die diesen bunten Haufen von Teilpersönlichkeiten zusammenhält, bis der Tod sie in einem Akt der finalen Erlösung auseinanderwirft. Viele Jahre der Praxis im Schamanismus und in energetischen Prozessen haben mich gelehrt, dass diese Hülle nur ein temporäres Hauptquartier für eine unendliche Expansion ist.
Gott, Erde und Prinzipienlosigkeit
Was ist Gott anderes als ein Mensch, der die Kraft erlangt hat, über seinen eigenen Willen zu verfügen? Für ein solches Wesen ist nichts wahr, und alles ist erlaubt. In seiner Existenz gibt es kein vorgegebenes Ziel - es steht ihm frei, dieses selbst zu bestimmen, sich direkt mit den Rhythmen der Erde zu verbinden und nach eigenem Gutdünken zu inkarnieren.
Das Universum ist seinem Wesen nach wahnsinnig und willkürlich. Von ihm Logik oder Gerechtigkeit zu erwarten, ist der Gipfel der Naivität. Nichts im Außen ändert sich; nur du änderst dich, indem du die Register deiner Wahrnehmung umschaltest. Das einzige universelle Prinzip, das man ernst nehmen sollte, ist die allgemeine Prinzipienlosigkeit.
Nektar des Abscheus
Die meisten Menschen bevorzugen die „kleinen Freuden des Feinschmeckers“ - halbverdaute, verrottende Nahrung aus Sinneseindrücken, die bereits einen vollen Kreislauf hinter sich hat und sich kaum noch von Exkrementen unterscheidet. In diesem Konsum liegt keine Erlösung, nur ein langsames Verlöschen.
Ich wähle eine andere Strategie: einfache Nahrung für den Körper und seltene, konzentrierte Schlucke Nektar - eine Mischung aus Abscheu und Bewunderung. Nur an der Schnittstelle dieser Extreme lässt sich der Geschmack der Realität spüren, ungetrübt von sozialer Moral.
Ich habe mein inneres „Ich“ berührt. Es ist kein „Ding“. Es ist eine formlose, eigenschaftslose, namenlose und reine Kraft. Sie ist das, was die Illusion berührt, während sie gleichzeitig außerhalb von ihr bleibt. Das „Ich“ ist die große Illusion, und gleichzeitig ist das „Ich“ das, was ihre Falschheit erkennt.
„Amen“. Oder wie auch immer man bei euch Gespräche mit der Leere zu beenden pflegt?
Ihr D.O.C.

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