Merk dir eins: Spiritualität ist heutzutage nichts weiter als eine weitere Modemarke, ein bis zur Unkenntlichkeit abgenutzter Marketing-Slogan, hinter dem oft nichts als gähnende Leere steht. Wir leben in einer Ära des totalen Surrogats, in der das reale, greifbare Leben zur am schwersten verfügbaren Mangelware geworden ist. Sei kein „spiritueller Pop“, versuch nicht, dich in die Schablonen von Instagram-Posts zu quetschen. Werde exklusiv - fang endlich an, dein eigenes, nicht von Filtern glattgebügeltes Leben zu leben.
Vielleicht spricht dich das an… vielleicht auch nicht. Letztendlich hat jeder seinen eigenen Weg in diesem Labyrinth der Illusionen.
Schau dir den typischen Social-Media-Feed an. „Oh, Mädels, diese Woche war eine Zeit nie dagewesener Transformation!“ - verkündet die nächste „Erleuchtete“. Am Montag hat sie Om-Chanting, am Dienstag Theta-Healing, am Mittwoch fängt sie die Energie des Schöpfers durch intuitives Malen ein, und am Donnerstag verschmilzt sie in Ekstase bei sakralen Tänzen. Bis Samstag, nach dem Training zur „Entfaltung der tiefen Weiblichkeit“, ist sie bereits bereit, Licht in die Welt der „Unwissenheit“ zu tragen, während ihre Chakren leuchten wie eine Weihnachtsgirlande.
Wenn man diese Parade des Absurden beobachtet, möchte man sie einfach an den Schultern rütteln und sagen: „Freundin! Wach auf! Dein 'spirituelles Wachstum' ist nur eine Form von Konsum.“ Wir verschlingen Tonnen von esoterischem (und weniger esoterischem) Content, nur um irgendwie unsere Existenz zu rechtfertigen. Es gibt heute tausendmal mehr Informationen, als das menschliche Bewusstsein in der Lage ist, auch nur ein Körnchen Wahrheit aufzunehmen.
All dieses persönliche Wachstum ist oft nur eine Illusion. Deine Welt füllt sich mit einer chaotischen Sammlung fremder Erfahrungen, die nur einem Zweck dienen: deinen Status in der Welt der Konsumenten zu erhöhen. Eine neue Praktik in der Liste deiner Errungenschaften funktioniert genauso wie eine „Birkin Bag“ oder das neueste iPhone. Der einzige reale Nutzen von all diesem Spreu ist, dass er dich für eine Weile von dem bodenlosen Horror ablenkt, in den sich dein Alltag verwandelt hat.
Denn du weißt es selbst, Freundin: Sobald die Theta-Healing-Sitzung vorbei ist, musst du zurück in deine schäbige Einzimmerwohnung. Dort erwartet dich kein Prinz, sondern ein zerzauster Boyfriend, der längst vergessen hat, wie das Funkeln in deinen Augen aussieht, sich aber an jede Nuance der Panzerschlachten auf seinem Monitor erinnert. Und am Morgen ruft Mama an und wird dir methodisch, mit gewohnter Meisterschaft, so den Kopf waschen, dass von deinem „Zen-Gleichgewicht“ nicht einmal Staub übrig bleibt. Und du wirst wieder zu deinem gehassten Job gehen, um sinnlosen Scheiß zu erledigen.
Die Wahrheit ist, dass du nie konsequent warst. Du hast nie wirklich etwas praktiziert. Dein ganzes Leben lang hast du nur nach bunten Verpackungen gegriffen und sie sofort weggeworfen, sobald sie aufhörten zu glänzen.
Aber weißt du, vielleicht hast du Glück. Nach langen Jahren dieser sinnlosen Spielchen mit dem „Höheren“ wirst du plötzlich das reale Leben praktizieren wollen. Und die erste echte Praktik auf diesem Weg wird keine Meditation auf einem Berggipfel sein, sondern das banale Aufräumen deiner Wohnung.
Wenn Sauberkeit in deinem Zuhause zu deinem stabilen Zustand wird, wirst du zur nächsten Stufe übergehen - du wirst Ordnung in dir selbst schaffen. Du wirst dir vernünftige Unterwäsche kaufen, ein einziges, aber wirklich stilvolles und teures Kleidungsstück. Und wenn in deinem Raum Ordnung herrscht und in deinem Äußeren Würde, wirst du endlich die Kraft in dir finden, alles Überflüssige aus deinem Leben zu werfen. Zusammen mit eben jenem Boyfriend und seinem Computer. Und wenn Mama wieder versucht, die Kontrolle über dein Bewusstsein zu übernehmen, wirst du so mit ihr sprechen, dass sie selbst zu deinem Kind wird - sie wird dich um Rat fragen, statt Bedingungen zu diktieren.
Und dann wirst du dich mit Erstaunen in der Reinheit deiner eigenen, von dir selbst aufgebauten Welt wiederfinden. Wirst du dann zu sakralen Tänzen oder zweifelhaften Weiblichkeits-Trainings zurückkehren wollen? Braucht ein Mensch, der endlich fest auf eigenen Beinen steht, diese Krücken noch?
Ich wage es zu bezweifeln.
Höchstwahrscheinlich wirst du spüren, dass du eine Kopflänge über denen stehst, die diese „spirituellen Marken“ produzieren, und über denen, die sie als Anästhesie gegen die Realität benutzen. Deine wahre spirituelle Praxis wird jede einfache Tat sein. Aber jetzt wird sie mit jenem tiefen Sinn erfüllt sein, den du selbst bestimmt hast.
Ihr D.O.C.

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