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Das Winterfeld in Boxershorts

Heutzutage ist jeder Zweite ein großer Mystiker und jeder Dritte ein Adept eines geheimen Ordens. Die Leute stürzen sich mit einem Enthusiasmus in die Esoterik, als gäbe es am Eingang ein Flatrate-Ticket für die Weltherrschaft und eine Fernbedienung für die Realität mit der Aufschrift „Alles super machen“. Glänzende Augen, der Durst nach Macht über die „graue Masse“ und die Hoffnung, dass Magie ihr ödes Dasein in ein endloses Buffet verwandelt.

Schon klar. Sie stürzen sich hinein, die armen Schlucker, und können vor lauter Gier kaum schlafen.

Dabei übersehen diese Glücksritter ein entscheidendes Detail: Magie und Schamanismus haben nichts mit Kerzenschein und Sprücheklopfen zu tun. Es ist in erster Linie eine regelmäßige - und oft verdammt harte - Transformation. Innerlich wie äußerlich, bis die Knochen knacken. Es ist der Moment, in dem deine alten Orientierungspunkte, deine Werte und sogar Menschen, die dir einst nahestanden, zu Staub zerfallen. Ganze Lebensbereiche brechen weg und verändern sich so radikal, dass du dich selbst im Spiegel nicht mehr wiedererkennst.

Das Gefühl dabei ist, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig. Stell dir vor: Du wirst aus deinem gemütlichen Bett, mit einer warmen Frau an deiner Seite, plötzlich mitten in ein offenes Feld katapultiert. Am besten nachts, im tiefsten Winter, nur in Hausschuhen und Boxershorts. Kein Handy, und bis zur nächsten Zivilisation ist es eine Ewigkeit. Und in dieser Lage musst du nicht nur überleben, sondern auch noch das Positive darin finden, einen Nutzen daraus ziehen und mit echter Freude das alte „Warme“ hinter dir lassen. Ohne Humor und eine gesunde Portion Sarkasmus geht das nicht - da machst du dir in die Hose, bevor du den ersten Schritt getan hast.

Ein normaler Mensch erlebt so eine Krise vielleicht ein paar Mal im Leben. Diejenigen, die den Weg der Kraft gehen, erleben das mehrmals im Jahr.

Wahrscheinlich gewöhnt man sich irgendwann daran. Aber es gibt noch eine andere kuriose Sache, die man lernen muss: die ständige Bereitschaft, draufzugehen. Hier und jetzt, wenn der Weg es erfordert. Im Grunde kann jeder Durchschnittsbürger in jeder Sekunde abtreten, weil er sich an einem Brötchen verschluckt hat, aber in der magischen Praxis wird einem diese Wahrscheinlichkeit besonders brutal bewusst. Es gibt jedoch ein angenehmes Paradoxon: Je bereiter du bist, das Ende zu akzeptieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du am Ende doch obenauf schwimmst.

Ganz in der Nähe wohnt auch das Gefühl für Balance und das „Richtige“. Wenn du das hast und im Einklang damit handelst, steigen deine Chancen, die Sache durchzuziehen, enorm. Ein schöner Gruß an die völlig abgedrehten Schwarzmagier, die von dieser Balance noch nie gehört haben.

Und denkt dran: Je tiefer man in den Wald geht, desto grimmiger werden die Partisanen. Der Gott-Komplex namens „Ich kann alles“ wird dir bei lebendigem Leibe weggerissen. Je mehr du danach gierst, Macht zu besitzen, desto öfter wirst du in jenem Winterfeld in Hausschuhen landen. Wenn du dich da rauswühlst - super, nimm dir einen Keks und freu dich über ein Körnchen echtes Wissen. Wenn nicht - tja, dann war’s das eben. Ist auch egal, am Ende landen wir sowieso alle am selben Ort.

Sich also in den Okkultismus zu stürzen, nur um ein paar Vorteile zu ergattern oder aus purer Neugier, ist - gelinde gesagt - ein seltsames Unterfangen. Meine Wards wissen: Das ist kein Waldspaziergang, sondern ein freiwilliger Sprung in den Fleischwolf, in der Hoffnung, auf der anderen Seite runderneuert wieder rauszukommen.

Dein D.O.C.

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